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Willkommen in der Tanzszene Berlins: Vogueing // Urban Sport of the Week

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“Macht ihr heute alle zum ersten Mal Vogueing?” Sophie hat einen starken East Coast-Dialekt. Sie steht mit dem Rücken vor einer Spiegelwand, post mit ihrer Hüfte zur Seite, trägt ein bauchfreies Top, eine Nike Leggings und farblich passende Socken. Ihre Präsenz und Energie füllt den Raums, ihr Blick ist stark und entschlossen. Es ist sofort klar, dass diese Frau eine Tänzerin ist. Doch ihr Selbstbewusstsein, das sie ausstrahlt, kommt von woanders her, als nur von der Tanzfläche.

Das, meine Freunde, ist die Tanzszene.

Der Frühling ist da. Kreuzberg wird nach einem langen Winter endlich wieder von der Sonne geküsst und die Strahlen fallen durch die Fenster des Motion*s Tanzstudios. Ich stehe mit 14 anderen Vogueing-Schülern da und wir warten gespannt auf weitere Anweisungen von Sophie. “Der Fokus der heutigen Stunde liegt auf den Handbewegungen… Aber lasst mich noch etwas ausholen.”

Sophie erzählt uns alles über den bedeutenden kulturellen Hintergrund zu Vogueing und wie es sein Anfänge in der Haarlemer Afro-amerikanischen Schwulenszene in den 1960-er und 70-er Jahre fand. Viele farbige Jugendlichen wurden von ihren Familien verstoßen, verbannt wegen ihrer sexuellen Orientierung. Sie sammelten sich auf den Straßen New Yorks, wo sie von “Drag Mothers” adoptiert wurden und eine neue Familie fanden.

In diesem Umfeld konnten sich die Jugendlichen endlich frei fühlen und wurden nicht mehr wegen ihrer sexuellen Neigungen diskriminiert. Diese Ausdrucksweise fand in einer Art Hyper-Feminismus seinen Höhepunkt. Diese Familien haben Tanzveranstaltungen ins Leben gerufen – normalerweise fanden sie auf no-Budget-Basis in Gemeindehallen statt, in denen sich die Familien gegenseitig zu Tanz-Battles in den Stilen  “Echtheit”, “Männlich” und “Catwalk” aufforderten.

Die Posen, die sie machten, waren inspiriert von den Models in den Magazinen, die sie anbeteten. Das war die Geburtsstunde von Vogueing.

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50 Jahre in die Zukunft vorgespult und über den Atlantik gesprungen, befinden wir uns inmitten Berlins und lernen die Feinheiten dieser Kunstform. Obwohl Dokumentationen wie Paris is Burning oder die ziemlich neue Pose Voguing wieder das kulturelle Bewusstsein brachten, wird der Tanz immer noch von vielen falsch verstanden.

“Es geht darum, mit deinen Bewegungen eine Geschichte zu erzählen”, erklärt Sophie. Sie zeigte uns eine Folge von übertriebenen Tippen auf verschiedene Körperteile, um uns ihre Geschichte mitzuteilen. “Ich liebe mich, ich liebe mein Haar, schau’ auf meinen tollen Hintern, schau’ wie umwerfend ich bin.”

Sie dreht eine funky Diskomusik auf. “Oh mein Gott, ich liebe diesen Song!” sagt sie voller Energie . “Macht mir jetzt alle nach. 5, 6, 7, 8 und Tap.” Wir folgen ihrer Choreographie, komplett überwältigt von ihrer Freude und dem Enthusiasmus. “Ja, ja, ja, ja!” Sie zeigte auf jeden von uns, warf uns ermutigende Worte zu, sichtbar verzückt von unserer Performances. Ich kann ein Lachen nicht unterdrücken. Das macht einfach so viel Spaß.

Sophie erklärt uns, dass die größte Herausforderung beim Vogueing nicht das Posen machen ist – es sind die kreativen Übergänge von einer Pose zur anderen. “Es macht überhaupt nichts, wenn einige eurer Posen nicht gut aussehen”, sagt sie. “Man braucht lange, um herauszufinden, was niedlich und gut aussieht. Wir befinden uns hier in einem geschützten Raum, um genau das zu üben.”

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Sie sagt: “Vogueing ist kompromisslos. Das muss es sein. Viele denken, das ist so, weil die LGBTQ-Kultur so aussieht, dass alle sich untereinander verstehen und miteinander singen und tanzen. Doch das stimmt so nicht. Es ist ein Wettbewerb. Und der kann sehr hart sein. Es gibt Unterstützung, strenge Liebe, aber es gibt einen Haufen Liebe. Und du musst kompromisslos sein, sonst überlebst du in diesem Umfeld, auf dieser Tanzfläche keine einzige Sekunde. Und genau das hat mich daran fasziniert.”

Sophie tanzt schon, solange sie denken kann. Geboren und aufgewachsen in Deutschland, mit einer professionellen Tänzerin aus Philadelphia als Mutter. “ Meine Mutter hat mit unglaublichen Größen des Contemporary Dance getanzt.” sagt Sophie. Sobald ich laufen konnte, schleppte sie mich in die Ballettschule. Somit war das Tanzen immer in meinem Leben. Ich habe nie nicht getanzt. Es war auch nie eine bewusste Entscheidung, sondern einfach das, was ich schon immer gemacht habe.”

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Sophie hat nicht die Tanzszene gefunden – die Tanzszene fand sie. Oder besser gesagt war Georgina alias Mutter Leo Melody dafür verantwortlich. “Denn sie ist eine Pionierin der deutschen Tanzszene”, erklärt Sophie. “Sie hat das erste Vogueing-Studio in Deutschland ins Leben gerufen und organisierte auch die allerersten Veranstaltungen und Tänze, Podiumsdiskussionen und Workshops.” Sophie traf Georgina in einer Zeit, in der sie als professionelle Urban Dance-Tänzerin arbeitete.

“Georgina fragte mich, ob ich schon mal etwas von Vogueing gehört habe und es getanzt habe. Ich verneinte. Ein Teil meiner Familie kommt von der East Coast Amerikas, dem Ursprung der Kultur, deshalb wusste ich, wovon sie sprach. Doch ich war noch nie bei einer Tanzveranstaltung oder sonst irgendwo dabei.”

Sophie hat eine Wette gegen Georgina verloren. Es ging darum, dass sie zu einer Veranstaltung nach Amsterdam gehen und daran teilnehmen sollte. “Was ich dort sah – diese unglaubliche Energie! Ich verliebte mich augenblicklich”, schwärmt sie. “Es zog mich so in seinen Bann und war gleichzeitig auch ein Gefühl der Befreiung. Und von allen Tanzstilen fühlte ich mich von Voguing am stärksten angesprochen. Ich erinnere mich, dass ich heimlich dachte, was auch immer das ist, ich möchte es können. Ich möchte ein Teil davon werden und bin auch dazu bereit, den Weg zu beschreiten und meinen Platz in der Kultur zu finden.

Wenn Sophie Vogueing unterrichtet, bringt sie ihren Schülern nicht nur Tanzbewegungen bei. Sie spricht viel über die Geschichte, die dahinter steht, seine Ursprünge und seinen Kern. “Niemand verlässt meinen Kurs, ohne dass er weiß, dass es sich um eine lesbisch-schwule, afro-amerikanische Kultur Kultur handelt, die ihren Ursprung in der Latino-Szene hat”, sagt sie.

Als es auf das Ende des Vogueing-Kurses zuging, standen wir alle an der Wand, mit dem Gesicht zum Spiegel. Sophie duckte sich und stolzierte vorwärts. Sie zeigt uns den Catwalk-Tanz, eine absolut übertriebene Version des typischen Catwalks, den man normalerweise bei einem Dolce & Gabbana-Event sieht.

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“Teilt euch jetzt auf – die eine Hälfte macht den Catwalk, die andere Hälfte feuert sie dabei an. Ihr werdet merken, dass ihr euch ganz anders bewegt, wenn ihr für ein reales Publikum lauft.” Als meine Mitschüler auf mir entgegen kommen, jubele ich ihnen zu und feuere sie wie wild an. Sie machen eine Pose nach der anderen, benutzen dabei alles, was Sophie uns heute gezeigt hat und kreieren damit ihren ganz persönlichen Vogueing-Stil, jeder auf seine spezielle Art und Weise.

Dann bin ich an der Reihe, zu performen und durch das Studio zu walken. Meine Mitschüler feuern mich an, als ich eine Identität annehme, von der ich noch nicht einmal wusste, dass ich sie besitze. Und dann wird mir plötzlich alles klar. Sophie unterrichtet keinen Tanz. Sie unterrichtet eine Art zu Denken. Sie lehrt uns, wie wir unserer Feminität in all ihren Facetten huldigen können. In einer Welt, in der alle so streng zu sich sind und viele Selbstzweifel haben.

An dem Tag, als ich das Motion*s Tanzstudio betrat, fühlte ich mich nicht selbstbewusst, nervös und war voll von Zweifeln. Doch nach dem Kurs ging ich in den ersten Tag des Berliner Frühlings hinaus und fühlte mich total verändert. Mit erhobenen Hauptes hatten sich meine Selbstzweifel aufgelöst und ich fühlte mich so – wahrscheinlich das erste Mal überhaupt – als müsste ich mich für nichts entschuldigen.

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Wenn du den Vogueing-Kurs ausprobieren möchtest, gehe zu Motion*s Tanzstudio, wo Sophie und ihre Kollegen die Freitagsklasse von 12 – 13:30 Uhr abwechselnd unterrichten.

Und Urban Sports Club hat zahlreiche Partner in Deutschland, Italien, Frankreich und Portugal. Schau auf der Website nach, was in deiner Nähe ist.

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1 Comment

  • flpdirekt@gmx.de'
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    Kellerwald Biker
    20. März 2019 at 21 h 23 min

    Sehr schön aufgebaut der Blog. Für jede Challenge etwas dabei. Weiter so!

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